Mauerhaus MM27
Weddige und der Ziegenhirte
Martin Möllers ist ein typisches Beispiel für die Kleinen Leute bei Weddige. Er wurde als Sohn eines Schneiders in einem Haus in der Butterstraße mit einem Wert von gerade einmal 125 Reichsthalern geboren, der Wert des noch nicht ausgebauten Mauerhaues MM27 wird zur gleichen Zeit (1816) mit 200 Reichsthalern angesetzt. Möllers taucht in einigen späteren Belegen als „Tagelöhner“ auf.Ziegenhirte ist eine seiner Gelegenheitsarbeiten. Er sammelt die Tiere ein, die als „Kuh des kleinen Mannes“ in der Stadt gehalten werden und beaufsichtigt sie auf den Gemeindeflächen. 1859 verkauft er sein Haus, offenbar ohne direkte Erben, bevor er einen Monat später an „Auszehrung“ stirbt.Das der Zeichnung Weddiges nachempfundene Fenster aus den 1950er Jahren stammt aus dem „Barönchen“. Der Ziegenhirte Mäten (Martin) Möllers (1795-1859) wird fälschlich auch mit der Münstermauer 27 verknüpft. Die sogenannte „Ziegentreppe“ ist aber die Viehrampe des Metzgers Engelbert Brüning und lässt sich in die Zeit nach 1860 datieren. Die Bekanntheit des Originals durch den Heimat-schriftsteller August Vollmer führt 1913/14 zu der schließlich verworfenen Idee, ihm auf dem Marktplatz ein Denkmal zu setzen.
Weddige, seine Familie und sein Geburtshaus
Weddige zeichnet das bereits verfallende Münstertor ohne seine frühere Ausdehnung, mit dem Rücken zum „Barönchen“, seinem Geburtshaus. Das Haus wurde 1874 von Ludwig Weddige verkauft an H. C. von Weyrother, Kolonialwaren, und war dann Gasthaus in mehreren Generationen. Stadtgeschichtlich interessant: von 1885 bis 1895 befand sich im Garten das erste Atelier des bekannten Fotografen Joseph Wenning, der auch die Brünings fotografiert hat. Das Gebäude des Barönchen ist heute im Besitz von Hermann Klaas, Investor der Emsgalerie.Ludwig (Louis) Weddige (1811-1890) ist als älterer Bruder von großer Bedeutung für Carl Weddige, wie wir aus vielen Familienbriefen wissen. So begleitet er den 17-jährigen Carl zum Antritt des Studiums an der Kunsthochschule in Düsseldorf. Später kann sich Carl bei seinen häufigen Geldsorgen letzten Endes immer auf seinen Bruder verlassen, der regional gut vernetzt ist, auch für Aufträge oder für den Absatz von Gemälden sorgt. Louis kauft bei der Aufteilung der Gemeindeflächen 1850 (Markenteilung) 1850 das Gut Hengemühle. In der Nähe befindet sich im Wald die Familiengrabstätte. Einer der Söhne von Louis erweitert den Besitz um Flächen in Holster-feld. Beides ist bis heute im Besitz der Familie Weddige.Der Auszug aus dem Urkataster zeigt die für Weddige in der Kindheit wichtigen Orte: sein Geburtshaus in der Münsterstraße, das Haus Markt 14, wo die Großtante Schilgen wohnt (Arztwitwe) und den Bentlager Hof seines Großvaters, des Richters Coeverden.Die Münstermauer 27 liegt wie die Wohnorte von Straßenpflasterer, Tuchscherer und Ziegenhirte in ärmeren Gassen.
Weddige und die Stadtmauer
Zu Weddiges Zeiten war die Stadtmauer von 1320 weitgehend abgetragen. Auch die Rückwand des Mauerhaues der Brünings ist inzwischen erneuert. Der Maler glaubt noch einen Rest gefunden zu haben. Auf der Skizze der Hohen Lucht erkennt man allerdings die Ruine eines Pulvermagazins aus der Zeit um 1600. Der Verlauf und die allmähliche Ausdehnung der Stadtmauern sind gut erforscht.Wichtig für die Stadtgeschichte ist die Ansicht der ältesten Textilfabrik Rheines von 1835 im Hintergrund. Die Zeiten der Wollwebergasse waren vorbei. Der Schornstein wurde erst in den 1980er Jahren gesprengt.
Weddige und der Alte Friedhof
Auf der Skizze des Alten Friedhofs (seit 1807) erkennt man das Durcheinander der bescheidenen Kreuze aus Eisen oder Holz der einfachen Leute. Dort waren auch die Gräber von Anna Eilker und Henrich Brüning (beide ? 1827 ) von der Münstermauer. Auch die Eltern von Carl Weddige werden hier begraben, ohne dass man diese frühen Gräber lokalisieren könnte. Aus späteren Zeiten gibt es ein Foto vom einfachen Leichenkarren des Totengräbers, der hinter der Kirche wohnt. Wilhelm Sträter erhält dagegen einen aufwendigen Leichenzug.Steinerne Grabsteine oder aufwendige Gruften wie die der Timmerman entstehen erst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts und haben sich bis heute erhalten. Gräber von Kleinen Leuten findet man nicht mehr.
Weddige und die Weber
Der Tuchscherer Ross, eine der Figuren in der Küsterkneipe, ist einer der letzten seiner Zunft, die seit 1632 in Rheine nachgewiesen werden kann. Er hat eine Werkstatt im Coesfeld und betreibt einen landwirtschaftlichen Nebenerwerb vor den Toren der Stadt. Die Aufgabe der Tuchscherer war es, von der fertigen Webware die vorstehenden Fäden und Fasern abzuschneiden. Weddige zeigt uns den gebeugten Dreiundsiebzigjährigen mit einer großen Schere, aber nicht mit der auch benutzten riesigen Eisenschere, deren Bedienung große Körperkraft verlangte. In der Textilindustrie erfolgt später nur die allerletzte Prüfung des Stoffes nicht maschinell.Bernd Wilkens (geb. 1790) ist einer der Kleinen Leute, die Weddige in seinem „Album Rheinense“ skizziert. Der hier etwa 60-jährige kann als Sinnbild des Niedergangs der Wollweberzunft (vgl. Karte Münstermauer) in Rheine gelten. Er lernt wie sein Vater den Beruf des Tuchmachers. Doch als er 30 Jahre alt ist, reicht das nicht mehr zum Leben und er muss sich als Tagelöhner verdingen. So arbeitet er auch als Pflasterer. Durch Schulden hat er das Elternhaus verloren und lebt als Mieter in der Münstermauer 22 in engsten Verhältnissen. Ob das Schnapsglas auf ein weiteres persönliches Problem dieses einfachen Mannes hinweisen soll? Jedenfalls ist er ein Kunde in der Küsterkneipe.Der Webstuhl von 1880 steht zur Zeit auf dem Dachboden des Heimathauses Hovesaat.
Weddige und das Waschkeschapp
Weddige zeigt uns 1852 das ursprüngliche Waschkeschapp und die bescheidenen Häuser dahinter. An der flachen Stelle am Emsufer wird die vorbereitete Wäsche ausgespült, meist von armen Waschfrauen oder jungen Mädchen. Auf den Emswiesen legen sie danach die Wäschestücke zum Bleichen aus. Erst die hohen Mauern gegen das Hochwasser verändern 1975 diese natürliche Senke.Wäschewaschen findet bei der Handwerkerfamilie Brüning ab 1911 in der neuen Waschküche des Wirtschaftshofes im Manteltopf statt. Darin kann der Metzger auch Würste sieden. Waschbretter wie das aus der Münstermauer 27 hatten eine lange Konjunktur. Die Fabrikantentochter Clara Timmerman bekommt 1911 schon eine Waschmaschine und eine Wringmaschine mit in die Aussteuer.
Weddige und die Textilindustrie
Weddige ist auch Chronist der Frühindustrialisierung. Er zeigt uns im Coesfeld den Schornstein der Maschinenschlichterei zur Imprägnierung der Kettfäden (vgl. Bild Hohe Lucht). Der ersten Baumwollspinnerei auf dem Mühlenkamp über dem Wehr (erbaut 1845) widmet er ein eigenes Blatt. Auch von den Textilpionieren Kümpers, Timmerman und Jackson macht er frühe Portraits, die hier nicht gezeigt werden. Die Fabrikanten greifen das Know-How der Wollweber auf und schulen sie auf das Weben von Baumwolle um. Damit wird die wirtschaftliche Not der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts langfristig überwunden. Allerdings reichen die Löhne für die Kleinen Leute meist nicht aus, so dass Frauen- und Kinderarbeit an der Tagesordnung ist. So sind auch alle Mitglieder der Familie Slaghuis in der Textilindustrie beschäftigt. Fehlende Wohnungen für Fabrikarbeiter werden zunächst durch das Kostgängerwesen aufgefangen, so auch in der Münstermauer 27. Erst der Werkswohnungsbau schafft später hier Abhilfe.
Weddige und das Waisenhaus
Mit der Zeichnung des Beinhauses an der Kirchhofsmauer von St. Dionysius gibt uns Weddige einen Hinweis auf den Standort des ersten Waisenhauses von Rheine. Es dient der Bestattung aufgefundener Knochen.Durch die Hangbauweise hat es ein Geschoss, das von unten erreichbar ist und als Waisenhaus dient. Hier lebt Engelbert Brüning von 1827 bis 1840 und macht eine Metzgerlehre.Dem Haus An der Stadtkirche 7 (heute Paulushaus), dem Waisenhaus von 1851 bis 1915, lag der Bentlager Hof gegenüber, das Elternhaus der Mutter von Weddige. Der Neubau eines Waisenhauses an der Ems von 1915 dient heute als Jacob-Meyerson-Haus.
Weddige und das Dionysianum
Carl Weddige besucht von 1826 bis 1831 das damalige Progymnasium Dionysianum, dann das Paulinum in Münster bis zum Wechsel mit 17 Jahren auf die Kunstakademie Düsseldorf. Gymnasiallehrer Löbker (geb. 1809) unterrichtet bis 1834 in Rheine, in dieser Zeit wohl auch Carl Weddige. Bis 1909 wird ein Teil des heutigen Alten Rathauses vom Dionysianum genutzt, ebenso das Eckhaus zur Emsstraße gegenüber. Lange Jahre stammt die Mehrzahl der Schüler nicht aus Rheine, sondern kommt in der ganzen Stadt als Kostgänger unter. So 1861 auch in der engen Münstermauer bei den Brünings.