Zeitenwende – Freiherr vom Stein und die Westfalen

Zeitenwende – Freiherr vom Stein und die Westfalen

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Bildnis des Freiherrn Karl vom und zum Stein als preußischer Minister


Freiherr vom Stein wird 1757 als neuntes von zehn Kindern einer angesehenen, adeligen Familie in Nassau geboren. Prägend sind die Vorstellungen seiner strengen, praktisch veranlagten, Mutter in Bezug auf Religion, Moral und Erziehung. Auch ihr lebhaftes Temperament gibt sie an ihren Sohn weiter. Dagegen spielen für Vater Karl Philipp in der Erziehung Redlichkeit, Zuverlässigkeit und ein unbeugsames Rechtsbewusstsein eine große Rolle. Die Erziehung legt den Grundstein für seine erfolgreiche Beamtenlaufbahn in preußischen Diensten.

1773–1777 Studium der Staats- und Rechtswissenschaft an der Universität Göttingen

1780–1808 Beamter in preußischen Staatsdiensten, ab 1786 Studium des Bergbaus in England

1787–1793 Rückkehr aus England. Ernennung zum Direktor und 1793 zum Präsidenten der Kriegs- und Domänenkammern von Kleve und Mark in Hamm. Reform des Steuerwesens. Heirat mit Wilhelmine Gräfin von Wallmoden-Gimborn.

1796 Ernennung zum Oberkammerpräsidenten für die rheinisch-westfälischen Territorien. Agrarreformen – als Vorläufer seiner späteren Reformen. Ernennung zum Vorsitzenden der königlichen Provinzialbehörde in Westfalen.

1802–1804 Berufung nach Münster. Organisation der Integration der säkularisierten Fürstbistümer und Abteien Westfalens in den preußischen Staat.

1804 Freiherr vom Stein amtiert als preußischer Finanzminister.

1807 Rückkehr nach Nassau nach dem Verlust des Ministerpostens. Verfassung und Veröffentlichung der Nassauer Denkschrift. Ernennung zum leitenden Minister in Berlin

1807–1808 Beginn seiner grundlegenden Staatsreformen, auch die „Preußischen Reformen“ oder „Stein-Hardenberg`schen Reformen“ genannt

1808–1809 Auseinandersetzungen mit Napoleon. Vom Stein wird ins Exil nach Österreich geschickt

1812–1815 Freiherr vom Stein ist Berater des russischen Zaren

Okt. 1813 Völkerschlacht bei Leipzig und Auflösung des Rheinbundes. Die napoleonischen Staaten Berg und Westphalen werden als besetzten Gebiete der Leitung Freiherrn vom Steins unterstellt

1815 18. Juni Schlacht bei Waterloo als letzte Schlacht Napoleon Bonapartes

1816 Erwerb von Schloss Cappenberg als Alterssitz

1831 Am 29. Juni stirbt vom Stein mit 74 Jahren auf Schloss Cappenberg

Reproduktion nach Johann Christoph Rincklake (1764–1813 | um 1804 | Öl auf Leinwand | Leihgabe aus Privatbesitz
LWL-Museum für Kunst und Kultur, Westfälisches Landesmuseum, Münster /Leihgabe der NRW-Stiftung Naturschutz, Heimat- und Kulturpflege an die Freunde Museums für Kunst und Kultur Münster e.V.

Büste der Königin Luise von Preußen (1776–1810)


Künstler unbekannt I 1962–1992 I Porzellan I Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin I Leihgabe C. Schulze Pellengahr

„Das Gute wird nicht immer erkannt, deshalb muss man aber nicht ablassen, gut zu sein. Dies ist und bleibt mein Grundsatz.“
Königin Luise von Preußen.

Prinzessin Luise von Mecklenburg-Strelitz ist ab 1793 Gemahlin des Königs Friedrich Wilhelm III. von Preußen. Napoleon sieht in Königin Luise von Preußen seine härteste Gegnerin. Nach der Niederlage der preußischen Truppen im Jahr 1806, flieht sie mit ihren Kindern nach Königsberg und Memel. Berühmt wird ihr Bittgang zu Napoleon am 6. Juli 1807 im Zuge des Friedens von Tilsit. Vergeblich fleht sie Napoleon um eine Milderung der Gebietsverluste an und versucht günstigere Friedensbedingungen für Preußen zu erzielen. Napoleon, der sie als „schwerfuchtelnde Amazone“ beschreibt bewundert dennoch ihr Verhandlungsgeschick.  Königin Luise von Preußen bildet 1805/06 das Zentrum einer Gruppe, die Preußen zum Widerstand gegen Napoleons Expansionsdrang aktivieren will. Zu diesem Kreis zählen große Persönlichkeiten wie Scharnhorst, vom Stein, Hardenberg, Blücher und Prinz Louis Ferdinand. Zudem unterstützt Luise Freiherrn vom Stein und seine Reformen.

Agrarkultur


Agriculture. Plate XI. / Agriculture. Plate XII. I Long Horned Bull. Short horned Bull / Galloway Bull. Black faced Ram. Argyleshire Bull. I Published by A. Constable & Co. I

Künstler unbekannt I Lithografien I 1815 I englisch I Museum Burg Vischering

Freiherr vom Stein interessiert sich früh für Statistik und Nationalökonomie vor allem aus England. In seinem Besitz befand sich auch ein Exemplar von „An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations, Bd. 1“ von Adam Smith. Adam Smith war ein schottischer Moralphilosoph und Aufklärer, er gilt als Begründer der klassischen Nationalökonomie. Stein ist begeistert von dem Fortschrittsoptimismus der Aufklärung sowie den damit einhergehenden technischen Innovationen und Ideen. Deshalb betreibt er eine moderne Wirtschaftsförderungspolitik im Sinne des Adam Smith, für Straßenbau und Bauernbefreiung, bemüht sich um die Erweiterung der ständischen Selbstverwaltung sowie eine wirksamere Staatsverwaltung zur Sicherung der nationalen Unabhängigkeit gegen Frankreich.

Franz Friedrich Wilhelm Freiherr von Fürstenberg (1729–1810)

Freiherr vom Stein lernt Fürstenberg 1788 in Münster kennen und empfiehlt damals seinem Freund und preußischen Verwaltungsbeamten Franz von Reden (1754–1831), die Bekanntschaft „dieses interessanten Mannes“ zu machen, der ihn durch seinen „sachreichen, planen- und lichtvollen Vortrag“ beeindruckt und das allgemeine Urteil über seine außerordentlichen, tiefen und ausgebreiteten Kenntnisse bestätigt habe“. Für Freiherr vom Stein ist Fürstenberg noch ein „respectabler Mann“, aber doch nur „magni nominis umbra“ – der Schatten eines großen Namens, als vom Stein im Herbst 1802 mit dem 73-jährigen Fürstenberg in amtliche Verbindung tritt. Freiherr vom Stein verärgert Fürstenbergs konfessionelle Engherzigkeit, dennoch ist er gewillt – wie von Fürstenberg gewünscht – gegen den Katholizismus gerichtete Schriften einer Zensur zu unterwerfen. Auch verärgert vom Stein Fürstenbergs „Roman- und Komödienleserei“, welche vom Stein „eher schädlich als nützlich“ einstuft.

Fürstin von Gallitzin im Kreise ihrer Freunde

Stahlstich nach einem Gemälde des Theobald von Oer I Lithografie - Zuordnung der Personen als Kopfporträts I Museum Burg Vischering

Fürstin Amalie von Gallitzin (1748–1806) lebte ab 1799 in Münster und bildete dort um sich den katholischen münsterischen Kreis, die münsterische „Familia Sacra“, auf welche die Lithografie Bezug nimmt. Dank der Kopfporträts sind die Mitglieder der Gruppe genau zuzuordnen und zu benennen. Fürstenberg gehörte ebenfalls der „Familia Sacra“ an. Die Briefe Fürstenbergs an die Fürstin von Gallitzin gelten als ein bedeutendes literarisches Zeugnis des 19. Jahrhunderts. Freiherr vom Stein bezeichnet die Gallitzin abschätzend als Fürstenbergs „Gehülfin“.  Er nimmt Anstoß an dem missionarischen Eifer, mit dem die Gallitzin für ihren Glauben eintritt und bezeichnet sie als „… äußerst bigotte, überspannte Frau, die ihre Anhänger in einer blinden Abhängigkeit erhält“. Auch Freiherr Adolph Droste zu Vischering (1769–1826) und Caspar Max Freiherr Droste Vischering (1770–1846) gehören der Famila Sacra an.

Gedenktafel für Joseph Schmitz und Johann Herman Deppenbrock aus Westbevern

Künstler unbekannt I Eichenholz beschrieben I um 1816 I Leihgabe Katholische Kirchengemeinde St. Marien, Telgte

Aus diesem Kirchspiel
starben
für
König und Vaterland
Joseph Schmitz
Johan Herman Deppenbrock

Gedenktafel für Johann Wilhelm Möllmann aus Bodelschwingh

Künstler unbekannt I Eichenholz beschrieben I um 1816 I Leihgabe Heimatverein Bodelschwingh und Westerfilde e.V.

Aus diesem Bezirke starb
für
König und Vaterland
Joh. Wilh. Möllmann
vom I Westphäl. Landwehr
Infant. Regiment
am 3 Juli 1815 bei Issÿ.

Fürst Blücher von Wahlstadt

Lithografie nach einem Gemälde von Rincklage I Museum Burg Vischering

Der preußische Generalfeldmarschall Gebhard Leberecht von Blücher (1742–1819 nimmt 1806 als Brigadekommandeur an der Schlacht bei Auerstedt teil. Nach dem Frieden von Tilsit wechselt er zunächst in das Kriegsdepartement. Mit Beginn der Befreiungskriege und der Wiederaufnahme des Krieges zwischen Preußen und Frankreich tritt er erneut in den Kriegsdienst ein.  1813 wird er zum Generalfeldmarschall ernannt, 1814 erhält er den Titel des Fürsten von Wahlstatt. 1815 wird er abermals Befehlshaber der preußischen Truppen, die er in den Niederlanden mit den britischen verbündeten Truppen unter dem Herzog von Wellington (1769–1852) einsetzt.  In der Schlacht bei Ligny am 16. Juni 1815 wird er schließlich empfindlich von Napoleon besiegt. Von den 83.000 Preußen bleiben 20.000 Gefallene und Verwundete auf dem Schlachtfeld. 8.000 Soldaten desertieren. In der Schlacht von Waterloo stoßen Blüchers Truppen im entscheidenden Moment vor und verhelfen so zum Sieg über die Franzosen. Als Folge rücken die Armeen des Herzogs von Wellington, des Feldmarschalls von Blücher und anderer Streitkräfte der Siebten Koalition bis Paris vor. Daraufhin verkündet Napoleon Bonaparte am 24. Juni 1815 seine Abdankung. Blücher wird zum europäischen Helden der Befreiungskriege stilisiert.

Ehrenpokal für Leutnant Sasse aus Hage

Silberschmied unbekannt I Silber I 1815 I Leihgabe Sammlung Ziesing

Der silberne Ehrenpokal ist im Stil eines Abendmalkelches gehalten und umlaufend graviert.  Als zentrales Motiv der Gravuren ist das für Jäger typische Signalhorn zu erkennen, dargestellt über Kreuz mit einer Büchse und einem Säbel. Umkränzt wird das gesamte Motiv von Eichenlaub. Die Wahl der Gravur lässt auf die Geschichte des Pokals rückschließen. So schließt sich im Jahr 1815 unmittelbar nach den Befreiungskriegen und der glücklichen Ankunft in der Heimat eine Gruppe von freiwilligen Jägern aus Ostfriesland zusammen, ihrem Anführer – Leutnant und Auktionator Sasse aus Hage – ein Präsent als bleibende Erinnerung zu übergeben. Auf der Kuppa umlaufend die Namen der ehemaligen Kameraden, auf der gegenüberliegenden Seite des Hauptmotivs ein Widmungstext. Auf den gegenüberliegenden Seiten des eher schmucklosen Schaftes sind zwei Ovale zu erkennen. Diese stellen detailliert die Vorder- und Rückseite der preußischen Kriegsgedenkmünze für Nichtkombattanten mit der Jahreszahl 1815 dar.
Diese Auszeichnung erhielten die Angehörigen des Jäger-Detachements des 3. Westfälischen Landwehr-Regiments, da sie an keiner Kampfhandlung beteiligt waren. König Wilhelm III. stiftet im Jahr 1815 diese sogenannte „zweite“ Kriegsgedenkmünze aus geschwärztem Gusseisen. Das Material brachte ihr den Spitznamen „Eiserne Pflaume“ ein.

Code Napoléon


Einzig officielle Ausgabe für das Großherzogtum Berg. Großherzoglich-Bergische Regierungs-Buchdruckerey  bey X. Levrault. Düsseldorf.

1810 I Museum Burg Vischering

Der Code Civil des Français ("Zivilgesetzbuch der Franzosen") wird offiziell auch Code Napoléon genannt. Das französische Gesetzbuch zum Zivilrecht wird von Napoleon Bonaparte 1804 eingeführt. Zuvor organisiert Napoleon ab 1800 die Verwaltungsorganisation Frankreichs neu. Als Bürgerliches Gesetzbuch handelt der Code Civil vom Zivilrecht. Die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz, Freiheit für alle und der Schutz des privaten Eigentums sind die wichtigsten festgehaltenen Grundsätze. Die Forderungen der Französischen Revolution werden in Rechtsform realisiert. Festgeschrieben wird die Trennung von Kirche und Staat, die freie Berufswahl, die Aufzeichnung von Geburten und Todesfällen durch den Staat. Bis zum Ende von Napoleons Herrschaft 1814 gilt der Code Civil auch in den von Frankreich abhängigen Staaten. Im Großherzogtum Berg wird der Code Napoléon 1810 eingeführt. Veröffentlicht wird er in einer deutsch/französischen sowie einer rein deutschen Fassung. Der Code Napoléon dient als Grundlage vieler Gesetzbücher. 1900 wird der Code Civil im Deutschen Reich vom Bürgerlichen Gesetzbuch abgelöst.

Joachim I Murat König von Neapel

Radierung I Museum Burg Vischering

Joachim Murat (1767–1815) heiratet 1800 Napoleons jüngste Schwester Caroline Bonaparte.  In seiner militärischen Laufbahn agiert er als französischer Reitergeneral und Marschall. Auf Grundlage der Rheinbundakte nimmt Murat im Sommer 1806 den Titel des Großherzogs an und wird am 15. März von Kaiser Napoleon I. zum Herzog von Berg und Kleve ernannt. Das Herzogtum avanciert dadurch zu einem Großherzogtum. Demzufolge wird Joachim Murat nun Großherzog von Berg und Kleve. Düsseldorf wird die Hauptstadt des neuen Staates, Schloss Benrath die neue Residenz. Durch die Zugehörigkeit des Münsterlandes zum Großherzogtum Berg wird Murat auch Souverän über das Münsterland, bis er 1808 von Napoleon als König von Neapel eingesetzt wird. Fortan nennt er sich Joachim I. König von Neapel. Im Jahre 1812 kämpft er beim Russlandfeldzug mit, wo er mehr als 10.000 Soldaten als Kontingent der Grande Armee stellt und selbst Befehlshaber der Kavallerie ist. In der Völkerschlacht von Leipzig führt er am 14. Oktober 1813 die 8.000 Mann starke Reiterattacke gegen das Zentrum der Verbündeten bei Güldengossa an. Nach der Niederlage in der Schlacht von Leipzig zieht Murat sich eine Zeit lang aus der französischen Armee zurück. 1815 wird er nach weiteren militärischen Auseinandersetzungen und dem Versuch seinen Thron zu retten gefangengenommen und zum Tode verurteilt. Auf Anordnung des Bourbonenkönigs Ferdinand I. in Pizzo, Kalabrien wird er standrechtlich erschossen.

Antinapoleonisches Spotttuch aus der Serie „Stage of Europe – Europäische Schaubühne“

England I Baumwolle I Kupferplattendruck I Rot auf gefärbtem Baumwollgrund I 1813/14 I Leihgabe Sammlung Ziesing

Mitte des 18. Jahrhunderts wird es Mode, Textilien mit politischen oder tagesgeschichtlichen Themen zu bedrucken. Die quadratischen Taschentücher erweisen sich wegen der leichten Handhabung im Druckvorgang schnell als Hauptträger dieser Mode. Weiter konnten die Taschentücher in allen Gesellschaftsschichten verkauft werden. In der Gesellschaft kommt in dieser Zeit das Tabakschnupfen in Mode, sodass es für Männer nahezu Pflicht wird ein Schnupf- oder Taschentuch dabei zu haben. Die Taten Napoleons bieten nach der Französischen Revolution viele Bildthemen an, welche allerdings nicht in Form von Lob, sondern oft als Kritik in satirischer Art, in Form von Spotttüchern, umgesetzt werden. Die Spotttücher setzen sich bereits in ihrer Farbigkeit von anderen Tüchern ab und besitzen so oft eine grellrote oder schmutzig gelbe Farbe. Dieses Spotttuch wird noch während der Befreiungskriege (1813–1815) hergestellt und nimmt Bezug auf die damaligen europäischen Geschehnisse einschließlich Russland.
Die zweisprachigen Inschriften weisen auf die englische Produktion und den deutschsprachigen Vertrieb – mit schlechter deutscher Übersetzung  – hin.

August Ferdinand Graf von Merveldt mit dem Roten Adlerorden II. Klasse am Bande

Künstler unbekannt I Öl auf Leinwand I ohne Jahr I Leihgabe aus Privatbesitz

August Ferdinand Graf von Merveldt (1759–1834) ist zunächst letzter kurfürstlicher Amtsdroste in Wolbeck und münsterscher Geheimrat. Nach 1802 wird er zum preußischen Kriegs- und Domänenrat. Als Norddeutschland mit einem Teil des Großherzogtums Berg 1810 an Frankreich geht, wird er zum Staatsrat des Lippedepartements. Nachdem das Herzogtum Westfalen wieder preußisch wird, gehört Merveldt zu den Wortführern des westfälischen Adels. Er lehnt die französischen Verhältnisse sowie eine Nachahmung der französischen Verwaltungsreformen ab. Stattdessen möchte er, dass die Mitbestimmung an Grundeigentum gekoppelt ist. Freiherr vom Stein erwartet vom Adel mehr Einigkeit und verlässt sich hier auf Merveldts Einfluss. Mit vom Stein korrespondiert Merveldt über die aktuelle Politik. Schließlich ist Merveldt von 1826 bis 1831 Abgeordneter des Provinziallandtags der Provinz Westfalen und wird vom König zum stellvertretenden Parlamentspräsident und damit zum Stellvertreter des Landtagsmarschalls vom Stein ernannt. 1825 wird Merveldt durch Kabinettsordre vom 23. Januar mit dem Roten Adlerorden 2. Klasse ausgezeichnet, womit er auch auf diesem Gemälde dargestellt ist.

Franz Joseph Adolph Heinrich Schulze Pellengahr (1796–1829) Ascheberg

Künstler unbekannt I ohne Jahr I Öl auf Leinwand I Leihgabe C. Schulze Pellengahr

Franz Joseph Adolph Heinrich Schulze Pellengahr wird 1796 als Sohn der Eheleute Johann Caspar Schulze Pellengahr und seiner Ehefrau als viertes von elf Kindern geboren. Nachdem sein älterer Bruder Johann sich für eine Arztlaufbahn entscheidet, tritt Franz die Nachfolge des elterlichen Hofes an. 1824 heiratet er Elisabeth Juliane Moormann (1801–1871) aus Mettingen, mit der er zwei Kinder bekommt.
Nachdem König Friedrich Wilhelm III. von Preußen am 5. Juni 1823 ein Gesetz zur Anordnung der Provinzialstände erlässt, werden auch 20 Vertreter der Landgemeinden der Provinz gesucht, wählbar durch Wahlmänner. Aktives Wahlrecht haben nur Männer ab 24 Jahren mit christlicher Konfession, die zudem im Wahlbezirk über einen steuerpflichtigen Grund- oder Gewerbebesitz bestimmter Größe verfügen müssen. Die Wahl fällt auf den damals 29-jährigen Franz Schulze Pellengahr, der damit die Landgemeinden des Kreises Lüdinghausen im Wahlbezirk Münster-Ost im Ersten Westfälischen Landtag zu vertreten hat. Am 29. Oktober 1826 wird der Landtag durch den vom Preußischen König ernannten Landtagsmarschall, Karl vom und zum Stein im Schloss zu Münster eröffnet. In den folgenden Sitzungswochen beraten die insgesamt 71 Abgeordneten vor allem über die Entwürfe für eine Kreis- und Städteordnung der Provinz Westfalen. Franz Joseph Schulze Pellengahr wohnt den Beratungen bis zu seinem frühen Tod am 4. März 1829 bei. Er stirbt ebenso wie seine Eltern und seine Tochter an Typhus. Bis zur Volljährigkeit seines einzigen Sohnes, Caspar Hubert Gustav Schulze Pellengahr, verwaltet seine Frau Haus und Hof in der Davert.

Topographische Karte der Kreise des Regierungsbezirks Münster

Lithografie I 1844 I Museum Burg Vischering


Entworfen nach der Grundsteuer-Katastervermessung und andern Materialien sowie nach eigenen Bestimmungen von Steuer-Rath Stierlin (Vorsteher des Kataster Bureaus in Münster) und Lieutenant Schmeltzer (Ingenieur-Geograph), H. Mahlmann [...], Kreis Lüdinghausen.
Der Kreis Lüdinghausen ist seit seiner Gründung bis 1843 in die sieben Bürgermeistereien Bork, Drensteinfurt, Lüdinghausen, Olfen, Ottmarsbocholt, Senden und Werne eingeteilt. 1818 wird die Kreisverwaltung nach Lüdinghausen verlegt. Durch die Einführung der Landgemeindeordnung, auch Verfassungsrichtlinie der „Preußischen Landgemeinden“, für die Provinz Westfalen am 31. Oktober 1841 werden die Bürgermeistereien in Ämter überführt. Die Städte Lüdinghausen und Werne bleiben amtsfrei; der Kreis Lüdinghausen wird zunächst in die folgenden Ämter und Gemeinden gegliedert:

Ascheberg – Ascheberg
Bork – Altlünen, Bork und Selm
Drensteinfurt – Bockum, Stadt Drensteinfurt, Kirchspiel Drensteinfurt, Hövel und Walstedde
Herbern – Herbern
Lüdinghausen – Kirchspiel Lüdinghausen und Seppenrade
Olfen – Stadt Olfen und Kirchspiel Olfen
Ottmarsbocholt – Ottmarsbocholt und Venne
Senden – Senden
Werne – Capelle, Stockum und Kirchspiel Werne.

Johann Ignaz Freiherr von Landsberg-Velen (1788–1863)

Caspar Görke I Öl auf Leinwand I ohne Jahr I Leihgabe Familie Landsberg-Velen

Als Ignaz von Landsberg Velen den westfälischen Besitz der Freiherren von Bömelsberg-Boineburg ankauft, kommt 1822–1825 die Standesherrschaft Gemen und Schloss Raesfeld in den Besitz der Familie. Er nennt sich nun Ignaz von Landsberg-Velen und Gemen und wird 1840 mit seiner Familie in den preußischen Grafenstand erhoben, der jeweils an den ältesten Sohn vererbt wird. Dies ist geknüpft an Besitz der Standesherrschaft Gemen mit der Herrschaft Velen und Raesfeld, alle Kreis Borken im Münsterland.
1826 kommt von Velen als Abgeordneter in den westfälischen Provinziallandtag der preußischen Provinz Westfalen. Dort wird er Landtagsmarschall und Vorsitzender des Landtags.  In dieser Funktion steht er zwischen Regierung und Abgeordneten und agiert auf das sogenannte Kölner Ereignis ausgleichend. Dies Ereignis stellt den Höhepunkt des Konflikts zwischen der katholischen Kirche und dem preußischen Staat in den Westprovinzen Preußens dar und führt 1837 zur Inhaftierung des Erzbischofs Clemens August von Droste zu Vischering. 1847 wird von Velen Mitglied des Vereinigten Landtags. Ab 1854 begleitet er bereits einen Sitz in der ersten Kammer des preußischen Parlaments.  1857 erfolgt seine Ernennung zum königlich preußischen Wirklichen Geheimrat.
Als erfolgreiche Unternehmer gründet von Velen das Eisenwerk Luisenhütte und beteiligt sich an der Gründung der chemischen Fabrik "F. Herold & Comp." in Wocklum, die er später als von Landsberg Velensche Chemische Fabrick" weiterführt.

Karte des Fürstbistums Münster / Monasteriensis Episcopatus

1645 | Herausgegeben von Johann Janssonius (1588–1664) | Kolorierter Kupferstich, grenzkoloriert | Museum Burg Vischering

Diese Karte des Fürstbistums Münster ist nach Westen ausgerichtet. Damit ist der niedersächsische Raum auf der rechten Seite der Karte. So werden das Hannoversche Emsland und das Oldenburger Münsterland in ihrer damaligen Gliederung als Ämter Meppen, Cloppenburg und Vechta dargestellt. Fast unkartiert ist das Hochstift Osnabrück im Osten – dem unteren Rand – der Karte zu erkennen. Über topographische, politische sowie historische Gegebenheiten werden in Form von Inschriften Informationen gegeben, während Wappen einzelne Verwaltungseinheiten kenntlich machen. Der Maßstab der Karte wird links unten durch den Meilenanzeiger verdeutlicht.

Karte des Oberstifts Münster

1681 |erschienen 1684 | Nicholas Sanson | gedruckt bei Alexis Hubert Jaillot| Paris | Kolorierter Kupferstich | Museum Burg Vischering

Das heutige Münsterland entspringt dem früheren Oberstift Münster. Die Grenzen von der Lippe bis zur Ems stimmen also in der Ausdehnung überein. Zusammen mit dem Niederstift bildet das Oberstift Münster als südlichen Teil das Hochstift Münster. Der Fürstbischof als weltlicher Regent residiert in Münster. Als Synonym wird für das Hochstift Münster deshalb auch der Begriff Fürstbistum Münster genannt. Immer wieder kommt es zu Territorialkonflikten in der Region.

Maximilian Franz von Österreich (1756–1801)

Erzherzog Maximilian Franz II ist von 1784–1801 Kurfürst und Erzbischof von Köln. Als Fürstbischof von Münster regiert er Ende des 18. Jahrhunderts das heutige Münsterland.
unbekannter Künstler| Öl auf Leinwand | Leihgabe aus Privatbesitz

Bildnis des münsterischen Domherren Johann Matthias Detmar von Ascheberg zu Venne (1716–1771)

Johann Matthias Detmar von Ascheberg zu Venne wächst zusammen mit seinen Geschwistern in der uralten westfälischen Adelsfamilie von Ascheberg auf. Im Jahre 1729 erhält er seine Tonsur, welche die Weichen für ein geistliches Leben stellen soll. Nachdem sein Bruder Ernst Friedrich im gleichen Jahr auf das Domherrenamt verzichtet, wird ihm der Erhalt einer Dompräbende in Münster zuteil. Schließlich nimmt Johann Matthias 1747 das Archidiakonat Auf dem Drein und 1761 das Archidiakonat in Warendorf an. Als Propst von St. Martini in Münster wird er letztlich nach seinem Tod 1771 im Dom zu Münster begraben.
Anton Kappers (1707–1762) | 1751 | Öl auf Leinwand | Leihgabe aus Privatbesitz

Erzbischof Clemens August Freiherr Droste zu Vischering

M. Backhaus | In Minden nach dem Leben gezeichnet | Paderborn 1838 | Museum Burg Vischering

Links
Erzbischof Clemens August Freiherr Droste zu Vischering (1773–1845) | um 1835
Verleger: August Kneisel, Zeichner/Lithografin: Cäcilie Brand
Lithografie
Museum Burg Vischering

Rechts
Erzbischof Clemens August Freiherr Droste zu Vischering,
Clemens August Droste zu Vischering (1773–1845) ist als später Zeitgenosse Freiherr vom Steins Weihbischof im Bistum Münster und von 1835 bis 1845 Erzbischof von Köln. Er setzt sich vehement für die Prinzipien der katholischen Kirchen gegenüber dem protestantisch geprägten Preußen ein. Seine Bemühungen münden im sogenannten Kölner Kirchenstreit in dessen Folge er 1837 inhaftiert wird.
Später verfestigen sich die Spannungen mit Preußen, das sich ein ziviles und gesellschaftlich-kulturelles Leben ohne päpstliche Einflussnahme vorstellt im sogenannten Kulturkampf.

Pauluskarte des Hochstifts Münster

Johannes Gigas (1582–1637) | um 1620 | Kolorierter Kupferstich | Museum Burg Vischering

Johannes Gigas ist ein deutscher Kartograf Mediziner, Mathematiker und Physiker. Gigas siedelt 1614 nach Münster über. Dort konvertiert er zum Katholizismus und wird Leibarzt des Bischofs. Er behandelt viele bekannte Personen, unter anderem den Heerführer der Katholischen Liga und späteren Nachfolger Wallensteins, Tilly. Im Jahre 1610 gibt er seinen ersten Kalender heraus. Schließlich kann er eine Methode zur Landvermessung erarbeiten, womit er als erster maßstabsgetreue Karten anfertigen kann. Er führt seine Landvermessungen mit Quadranten durch, was zu einer sehr hohen Genauigkeit führt. In schneller Folge bringt er ab 1616 Karten einzelner westfälischer Territorien heraus, welche unter anderem sauber gezeichnet und künstlerisch ausgezeichnet aufgemacht sind.

Theresia Caroline Freifrau von Landsberg-Velen mit ihren Kindern Johann Ignaz, Antonia und Matthias

Maria Therese Freifrau von Landsberg-Velen (1765–1805) ist seit 1800 verwitwet. Freiherr vom Stein sieht für sie in seinem Konzept von 1804 eine entsprechende Standeserhöhung als große Gutsbesitzerin vor. Dieser Vorschlag wird aber von ihm wieder gestrichen. Die Familie wird schließlich 1840 doch noch in den preußischen Grafenstand erhoben. 

Theresia Caroline von Landsberg-Velen wird auf diesem Gemälde als Mutter an der Wiege des Neugeborenen und umringt von ihren Kindern gezeigt. Johann Christoph Rincklake stellt sie ohne Schmuck an ihrer Kleidung und Pose ganz in ihrer Rolle als Mutter dar. Statt wunderschönen, aber starren „Puppen“ wie man sie von Porträts des Barock und Rokoko kennt, die in Würdekleidung und mit Symbolen ihren Stand und Adelsgeschlecht repräsentieren, wirkt die dargestellte Familie nahbar und lebendig. Das Gemälde ist Ausdruck einer neuen Bürgerlichkeit, geprägt durch die Zeit der Aufklärung. Das Porzellanservice unserer Ausstellung hätte so nicht nur bei einer Kaufmannsfamilie, sondern auch auf dem Tisch der Familie Landsberg-Velen stehen können.

Als Mutter wählte Therese Caroline für ihr Neugeborenes ein leichtes und bewegungsfreundliches Hemdchen als Musterbeispiel einer modernen Säuglingspflege.

Fort mit den Hauben, Wickelschnüren und Steckbetten. Nehmt weiche und weite Windeln, die allen Gliedern Freiheit lassen und weder so schwer sind, daß sie die Bewegungen hemmen, noch so warm, daß es die Einwirkung der Luft nicht mehr empfindet. Legt es in eine große, wohl ausgepolsterte Wiege, in der es sich nach Lust ohne Gefahr bewegen kann. (Aus: Jean Jaques Rosseau: Émile oder Über die Erziehung, 1762)

Johann Christoph Rincklake | 1792 | Öl auf Leinwand | Leihgabe aus Privatbesitz

Barockes Damenporträt

Das Bildnis kann als Vermächtnis des prunkvollen und prächtigen Rokoko gesehen werden – als Prototyp des Ancien Régime. Damit wird die Zeit vor der Französischen Revolution 1789 und den folgenden Napoleonischen Kriegen bezeichnet. Die Identität der dargestellten adeligen Dame eines hohen Hauses ist nicht bekannt. Die Farben Rot und Gold ihrer Kleidung dürften die Wappenfarben der Familie sein. Auffallend ist auch der fürstliche Hermelin. In diesem Bildnis wird ganz die adlige Repräsentation in den Vordergrund gestellt. Die Dame verharrt in einer steifen, gerechten Pose, nicht lächelnd. An ihrer Seite steht ein prächtig ausstaffierter „Kammermoor“ und reicht seiner Herrin einen Apfel. Sie dienten Herrschern, kirchlichen Würdeträgern und wohlhabenden Kaufleuten als exotisches Prestigeobjekt und stellten den Reichtum des eigenen Hauses zur Schau, das Beziehungen in den weltweiten Fernhandel hegte.
unbekannter Künstler | 1730–50 | Öl auf Leinwand | Leihgabe aus Privatbesitz

Johann Ignaz Freiherr von Landsberg-Velen mit Hund (1788–1863)

Bis zur Geburt seines Bruders Matthias (geb. am 25.12.1792) ist Johann Ignaz der einzige Sohn und Stammhalter der Familie Landsberg-Velen. Auf diesem lebensgroßen Bildnis ist Johann Ignatz als künftiger Erbe maximal drei bis vier Jahre alt. Der große Hund trägt auf seinem Halsband seine Initialen „I.V.L.“. Dieses Bildnis zeigt die Lösung von der Tradition Kinder – und insbesondere Stammhalter – zu Erwachsenen machen zu wollen. Johann Ignaz erscheint in einem kindgemäßen, bewegungsfreundlichen Hosenanzug, einem „Sceleton“, der ursprünglich als Schlittenanzug aus England, dem Land allen Fortschritts kommt.
Johann Christoph Rincklake (1764–1813) | 1792 | Öl auf Leinwand | Leihgabe aus Privatbesitz

Bildnis der Brüder Matthias und Ferdinand, Grafen von Galen

Freiherr vom Stein äußert sich in einem Brief an August Ferdinand Graf von Merveldt (1759–1834) vom 27. Dezember 1821 hoffnungsvoll über eine Begegnung mit drei jungen münsterländischen Adeligen, den Grafen Matthias (1800–1880) und Ferdinand (1803–1881) von Galen sowie dem Freiherrn August von Nagel-Doornick (1799-1839), die ihm auf dem Wege nach Italien in Frankfurt ihre Aufwartung gemacht hatten: "Sie scheinen noch unverdorben, ans Gute gewöhnt und für das fortschreitende Reifen zum Guten geschickt …, sie haben mir… gefallen durch ihr verständiges, besonnenes und bescheidenes Wesen". Eine "tüchtige Ausbildung" für den jungen Adel liegt Stein am Herzen damit dieser "seine Stellung im Ein- und Ausland" erhalte. Indes befürchtet er noch 1826, dass "unsere westfälische adelige Jugend" das "Streben nach geistiger Ausbildung, nach Wissen und Können … nicht ins Auge zu fassen" scheine.

Reproduktion nach Johann Christoph Rincklake (1764–1813) | um 1807 | Öl auf Leinwand

Original im LWL-Museum für Kunst und Kultur, Westfälisches Landesmuseum, Münster

Johann Ignaz Freiherr von Landsberg-Velen (1788–1863)

Johann Ignaz von Landsberg-Velen (1788–1863) erlebt schon in jungen Jahren die Umbrüche der napoleonischen Zeit. Zum Wintersemester 1804/05 – mit noch nicht ganz 16 Jahren – nimmt Johann Ignaz ein Jurastudium auf. Ab März 1809 geht er auf eine Bildungsreise durch Europa, wie es für Ausbildung junger adeliger Männer typisch war. Die Reise führt ihn bis nach Neapel – durch ein Italien, das jetzt weitgehend von Napoleon abhängig ist. 1810 kehrt Ignaz nach Velen zurück, wo er aufgewachsen war. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation gehört inzwischen der Vergangenheit an – Kaiser Franz II. hatte im Jahr 1806 abgedankt. Kurz nach der Rückkehr von Ignaz wird auch seine münsterländische Heimat Teil des Kaiserreichs Frankreich. Als der junge Freiherr 1812 das Velener Bürgermeisteramt übernimmt, tut er dies unter der französischen Bezeichnung „Maire“.

Johann Christoph Rincklake (1764–1813)| 1851 |Öl auf Leinwand |Leihgabe aus Privatbesitz

Clemens August von Galen mit seinen Töchtern vor der Büste im Park

Clemens August Freiherr von Galen (1748–1820) ist münsterischer Erbkämmerer, Geheimrat und Amtsdroste zu Vechta. 1775 heiratete er die damals neunjährige Mechthild von Twickel, die am 25. Oktober 1791 stirbt. Das dargestellte Familienbild dient der Erlebnisbewältigung des Todes der Mutter. Die Töchter Franziska und Sophia berühren ihren Vater tröstend, während Clara von Galen auf die Büste der Mutter zeigt, die über ihrer Urne an einer Quelle zwischen aufgetürmten Felsbrocken steht. Von Galen ist in seiner ganzen Zerbrechlichkeit und dargestellt. Indem sich der Baron und seine Familie ihren Gefühlen überlassen, werden sie „verbürglicht“ und damit ganz privat dargestellt.
Vor den Umbrüchen der Säkularisation lässt dieses Familienbild bereits das Ende der Ständegesellschaft ahnen. Zugunsten des münsterischen Adels kann Freiherr vom Stein 1804 die Erhebung des Clemens August von Galen als ein großer Gutsbesitzer in den Grafenstand erreichen. Für vom Stein sollen die Landtagsfähigkeit und ständisches Vertretungsrecht nicht nur an veraltete Privilegien und Adelsnachweise geknüpft sein, sondern die Gutsgröße kann ebenso als Kriterium gebraucht werden. So steht er als Vermittler im Übergang von der ständischen zur bürgerlichen Gesellschaft.

Reproduktion nach Johann Christoph Rincklake (1764–1813) | um 1791/92 |Öl auf Leinwand und Holz | Original im LWL-Museum für Kunst und Kultur, Westfälisches Landesmuseum, Münster

Auszug aus: Enzyklopädie oder ein durchdachtes Wörterbuch der Wissenschaften, Künste und Handwerke | herausgegeben von Denis Diderot und Jean Baptiste le Rond d'Alembert


Eintrag Art Militär, Verteidigung

Tafel VI – Waffenteile, Wagen und Instrumente der Artillerie

Bei den gezeigten Radierungen handelt es sich um einen Auszug aus einem der Hauptwerke der Aufklärung mit mehr als 70.000 Einträgen. Laut Herausgeber war die Grundidee, das gesamte Wissen der Zeit zu sammeln und der Welt öffentlich zugängig zu machen. Herausgehoben muss werden, dass nicht das Ziel war, nur das Wissen des gebildeten Bürgertums zu sammeln, sondern in universeller Art und Weise auch das Wissen der einfachen Leute aufzunehmen und darzustellen. So wurde das Sammelwerk auch durch Einträge von Handwerkern bereichert.
Dazu zielten die Absichten der Herausgeber über eine bloße Darstellung des Wissens hinaus sodass das Ziel – wie der Titel schon sagt – ein nach Maßgabe der Vernunft aufgebautes, kritisch durchdachtes Wörterbuch sein sollte.

gestochen von Robert Bénard (1734‒1777) | veröffentlicht Paris 1762 | Radierung | Museum Burg Vischering

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Das Ende des Hochstifts Münster – Säkularisation und Integration

Freiherr vom Stein organisiert ab 1802 die Integration der säkularisierten Fürstbistümer und Abteien Westfalens in den preußischen Staat. Dabei steht er für eine schonende Eingliederung in die Monarchie und setzt sich für den Abbau antipreußischer Stimmungen ein. Energisch tritt er für die landständische Verfassung des vormaligen Stifts Münster und die Beibehaltung gewachsener Verhältnisse ein.
Er betrachtet die münsterischen Landstände als Hauptmittel, um die Bevölkerung mit der preußischen Herrschaft auszusöhnen. An der vorgesetzten preußischen Behörde rühmt er den Wert des altständischen Wesens, da man nur durch seine Erhaltung und Pflege das Zutrauen der Bevölkerung gewinnen könne und man nur so in Berlin zuverlässig über die Landesverhältnisse informiert werden würde.
„Ich hoffe, man wird die alte deutsche Verfassung, die auf Grundeigentum gebaut war und die sich Westfalen erhalten hat, nicht umstürzen und an ihre Stelle eine bloße Bürokratie, deren Unvollkommenheit wir kennen, setzen.“
Graf Schulenburg, einer der Widersacher des Freiherrn vom Stein, wünscht sich hingegen kein Hineinreden der Landstände in das ohnedies äußerst schwierige Organisationsgeschäft. Freiherr vom Stein hält dagegen die Abneigung gegen vorwiegend adlige Stände für ein bloßes Vorurteil:
„Man hüte sich doch nur für den zur Mode gewordenen Hass gegen den Adel (…) man denke sich doch nicht bei Adel ein Monopol von Stellen, Stammbäumen, Präbenden, sondern das Corpus der großen Landeigentümer, die der Natur der Sache nach Einfluss haben und durch unauflösliche Bande an das Interesse des Landes gekettet sind.“
Trotzdem möchte Freiherr vom Stein auch nicht eine einfache Wiederholung der altständischen Mitregentschaft, sondern sieht sie als Hilfsorgane:
„Stände müssen nicht Administratoren sein, sondern die Kontrolle und das Informationsmittel der Verwaltung.“
Er versucht, das münsterische Ständewesen zu retten, doch dies bleibt in Berlin ohne Erfolg, sodass er später auch nicht verschweigt, dass die Aufhebung der Stände „eine sehr üble Sensation gemacht“ habe.

Oktoberedikt und Städteordnung

Das Oktoberedikt von 1807

Mit dem am 9. Oktober 1807 verabschiedeten Oktoberedikt leitet Freiherr vom Stein das Ende der Ständegesellschaft ein.

- Nicht-Adelige dürfen nun über Grundbesitz verfügen und die Gutsherrschaft ausüben
- Jeder preußische Bürger erhält das Recht auf Eigentumserwerb
- Freiheit der Berufswahl
- Freiheit der Eheschließung
- Aufhebung der Erbuntertänigkeit der Bauern

Erst das Regulierungsedikt vom 14. September 1811 soll den Bauern das Eigentum an den von ihnen bewirtschafteten Höfen übertragen.

Die Städteordnung von 1808

Die von Freiherr vom Stein erlassene Städteordnung hält die Ziele, Funktionen und Organe der Gemeindeverfassung zur Belebung des Gemeingeistes und des Bürgersinns fest. Auf den unteren Ebenen des Staates sollen die Bürger an der Provinzial- und Lokalverwaltung beteiligt werden. Diese Beteiligung soll allerdings auf die „eingesessenen Eigentümer“ begrenzt werden. Die nichtbesitzenden Schichten bleiben damit ausgeschlossen.

Ausgehend von der selbstverwalteten Gemeinde sollen Kreistage und Provinziallandtage als weitere Stufen der Bürgerbeteiligung folgen. Insgesamt ist vorgesehen staatliche Bürokratie und Selbstverwaltung zu verzahnen.

Mit allen geschaffenen Reformgesetzen zielt Freiherr vom Stein auf die Überwindung des preußisch monarchistischen Ständestaats ab.

Die Reformen lassen sich in drei Gruppen unterteilen: 

- Agrarpolitische Problemstellungen
- Fragen der Behördenorganisation
- Schaffung von Organen der Selbstverwaltung

Dieses Prinzip der demokratischen Selbstverwaltung öffentlicher Aufgaben ist auch heute noch aktuell.

Französische Fremdherrschaft und Befreiungskriege


Mit dem Frieden von Tilsit 1807 verliert Preußen seine Besitzrechte am Fürstentum Münster. Deshalb wird das Münsterland für die kurze Zeit von 1808–1813 französisch, es gehört nun zum Großherzogtum Berg. Gerichtsbarkeit ist der Kaiserliche Gerichtshof Lüttich, die Hauptstadt ist Münster. Regiert wird das seit 1806 bereits bestehende Großherzogtum von Joachim Murat, dann ab Juli 1808 von Napoleon selbst. Formal ernennt er 1809 seinen vierjährigen Neffen Napoléon Louis Bonaparte zum Großherzog. 1811 werden die Departements Ober-Ems und Lippe geschaffen.
Als Satellitenstaat des französischen Kaiserreichs fungiert das Großherzogtum Berg neben dem Königreich Westphalen als Modellstaat für die übrigen Rheinbundstaaten. Zudem schützt es als Pufferstaat Frankreich gegen die Preußen. Es kommt zu zahlreichen Reformen vor allem in Verwaltung und Justiz. Eine regelrechte Verfassung gibt es nicht, Reformen werden stattdessen verordnet. Schrittweise wird die französische Staatsorganisation eingeführt.
Das Nationalbewusstsein erfährt durch die französische Fremdherrschaft Auftrieb, der Einheitsgedanke wird gestärkt. Es kommt zu einer, die Regionen durchdringenden antifranzösischen Haltung, die in den Begriffen „deutsch“ und „Freiheit“ ihren Ausdruck findet.    
Auf dem Wartburgfest im Jahre 1817 formiert sich die Bewegung vieler seit 1813 neu gegründeter studentischer Burschenschaften und Studentenverbindungen. Die Studenten dienen aus Überzeugung in der Landwehr. Die Farben Schwarz-Rot-Gold nach dem Vorbild der Uniformen des Lützower Freikorps werden zum Symbol dieser Bewegung.
Napoleon veranlasst 1808 die Entlassung und Verbannung des Freiherrn vom Stein, der sich daraufhin mit seiner Familie ins Exil begibt. In dieser Zeit unterstützt er als Berater des russischen Zaren den Widerstand gegen Frankreich. Freiherr vom Stein kehrt 1813 nach Deutschland zurück. Die entscheidende Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1813 zwingt Napoleon zum Rückzug. Es folgt die Auflösung des Rheinbundes und damit das Ende der französischen Fremdherrschaft. Die napoleonischen Staaten Berg und Westphalen werden dem Zentralverwaltungsdepartement der Alliierten für die besetzten Gebiete unter der Leitung des Freiherrn vom Stein unterstellt, welcher 1814 auch am Wiener Kongress teilnimmt. Die Welt wird neu geordnet.

Zeitenwende – Freiherr vom Stein und die Westfalen


Freiherr vom Stein (1757–1831) übte als Reformator unter preußischer Krone einen großen gesellschaftlichen und politischen Einfluss auf die gesamte Bevölkerung in Westfalen und ihr sich veränderndes Menschenbild um 1800 aus – geprägt und im stetigen Umbruch durch französische Fremdherrschaft und die englische sowie französische Aufklärung. Die Ausstellung hebt die starke kulturhistorische und politische Bedeutung für die Region des Münsterlandes heraus und stellt daher insbesondere die Entwicklungen im damaligen Kreis Lüdinghausen – gegründet 1804 – und den Altkreis Coesfeld vor. Beleuchtet wird die Zeit von etwa 1751 bis 1841.
Porträts der unterschiedlichen Protagonisten zeugen von den politischen Wechselspielen der Zeit und stehen beispielhaft für Gesellschaft und Menschenbild. Eine große Zahl von interessanten Objekten bietet Einblicke in die unterschiedlichen Lebenswelten der verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Ein besonderer Blick wird dabei auf die Vertreter des westfälischen Adels und deren Familien geworfen. Weitere Themen sind das Militär, die Bauern, das neue Bürgertum sowie Zeitgenossen, mit denen vom Stein in Kontakt stand. Selbst durch verschiedene Interessen zersplittert, sowohl durch alte Traditionen und neuen Geist geprägt, galt es für den Adel, die Umbrüche zu meistern und sich im Leben zu etablieren, um nicht Macht, Ansehen und Status sowie Besitz und Familie zu verlieren.

Zeitenwende – Freiherr vom Stein und die Westfalen

Darsteller: Ulf Ziesing
Kamera und Schnitt: Lukas Bertels
Drehbuch: Kultur Kreis Coesfeld
Drehort: Burg Vischering, Lüdinghausen

Zeitenwende – Freiherr vom Stein und die Westfale

Darsteller: Ulf Ziesing
Kamera und
Schnitt: Lukas Bertels
Drehbuch: Kultur Kreis Coesfeld
Drehort: Burg Vischering, Lüdinghausen

Ein neues Exponat